„Nur kurz leben“ von Catherine Strefford (Rezension)

Im April erschien mit „Nur kurz leben“ das Debüt einer Autorin, deren Treiben ich schon länger gespannt verfolge: Catherine Strefford. Als sie auf Twitter signierte Exemplare ihres Erstlings anbot, musste ich natürlich sofort zugreifen! Und inzwischen ist es sogar preisgekrönt.

Cover von "Nur kurz leben"
Das Cover von "Nur kurz leben"
  • Titel: Nur kurz leben
  • Autorin: Catherine Strefford
  • Verlag: Selfpublishing über Books on Demand
  • Erschienen: April 2020
  • Genre: Entwicklungsroman
  • Seiten: 156
  • Preis: E-Book: 4,99 €  | Taschenbuch: 10,00 €
  • ISBN: 978-3751901314

Existenzangst; Diebstahl; Folgen von Alkoholkonsum; Medikamenteneinnahme; Unheilbare Erkrankung; Kündigung; Tod; Beerdigung; Betrug; Verlust
(Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Habe ich einen potenziellen Trigger vergessen? Hinterlasse mir einen Kommentar oder schreib mich an!)

Worum geht's? Der Klappentext

Richie hat die Schnauze voll.
Immer hat er sich an die Regeln gehalten, das Leben gab ihm trotzdem nichts. Er beschließt, es selbst in die Hand zu nehmen und seinem Leben ein bisschen auf die Sprünge zu helfen: er beklaut eine Tankstelle und flüchtet mit gut vierzehntausend Euro sowie einem geklauten Auto Richtung Süden.
Dumm nur, dass auf der Rückbank des Autos Leon schläft …

Meine Meinung

Mein Herz setzt aus. Eine Ewigkeit. Eine Unendlichkeit.
(Seite 94)

Mit „Nur kurz leben“ ist Catherine Strefford ein Werk gelungen, das man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Dabei hat mich das erste Kapitel kaum mitgerissen. Wir lernen Richie kennen, der sich mit mehreren Jobs herumschlägt und doch nicht über die Runden kommt. Ich konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, wieso Richie sein Leben für durchschnittlich hält. Wer drei Jobs hat, kann und darf nicht der Durchschnitt sein! Entsprechend fiel mir die Identifikation mit ihm zunächst schwer.

Butter – Piep, eingeschweißte billige Salami – Piep, Kaffee – Piep, zwei Kartons Milch – Piep, teure Schokocreme – Piep, Senf – Piep, ein Glas Gurken – Piep und Klopapier – Piep. Die nervige Piepsalve eines vorbildlichen Durchschnittseinkaufs.
(Seite 7)

Zum Glück suhlt er sich nicht lange in Selbstmitleid, denn als er bei seinem Tankstellenjob gekündigt wird, beschließt er, zu handeln: Er rechnet den Kasseninhalt am Ende des Tages aus, packt das Geld in seinen Rucksack, klaut ein Auto und haut ab. Dann folgt mein erstes Highlight: Der Moment, in dem sich der Teenager Leon auf der Rückbank bemerkbar macht. Einfach genial!

Bild für Blogbeitrag Nur kurz leben
So viel Geld hat Richie geklaut! 😮

Leon tut der Geschichte merklich gut, denn sie lebt von der Interaktion zwischen den beiden Protagonisten. Sowohl Richie, als auch Leon, haben Schwierigkeiten, sich selbst und ihre Probleme zu akzeptieren, und anfangs misstrauen sie einander (was völlig verständlich ist). Doch im Laufe des Roadtrips lernen sie sich besser kennen. Sie akzeptieren den anderen als den Menschen, der er ist, mit all seinen Problemen und Schwächen. Sie zeigen dem anderen seine guten Seiten auf und genießen die Freuden des Lebens. Die beiden schließen Freundschaft.

In diesen Szenen zeigt Catherine Strefford ihre Stärken. Selten habe ich so aufrichtige und lebensnahe Dialoge gelesen. Hier ein Beispiel:

„Es ist weniger frustrierend, wenn man gar nicht erst annimmt, dass man sehr alt wird.“
Mir rutscht ein Seufzer raus. „Ich weiß, es klingt komisch, wenn es von mir kommt. Aber: Was ist das für eine Einstellung?“
„Es ist eben einfacher, die Erwartungen niedrig zu halten.“
(Seite 123)

Manchmal fluchen sie mir zu viel, aber in gewisser Hinsicht passt es zu Richie und Leon. Denn es hilft ihnen dabei, sich zu öffnen und deswegen sehe ich gerne darüber hinweg.

A propos Dialoge: Catherines Schreibstil. Der zeichnet sich durch betont kurze Sätze aus, teilweise sogar unvollständige, und sie passen perfekt zu Richie, aus dessen Perspektive wir die Geschichte verfolgen (bis auf ein Kapitel aus Leons Sicht, das aber auch gut hätte weggelassen werden können). Eine außergewöhnliche Art der Charak-terisierung! Ab und an wird mir durch den Schreibstil jedoch ein bisschen zu viel Drama geschürt.

Postkarte für Blogbeitrag Nur kurz leben
Wunderschöne Postkarte!

Über das Ende mag ich gar nicht so viel verraten … Aber haltet lieber Taschentücher bereit!

Meine Lieblingsszene

Ich lege mich auf den Rücken und sehe den Sternen beim Leuchten zu. Versuche, sie zu zählen. Dabei das stetige Rauschen des Meeres in den Ohren. Und das erste Mal seit einer Unendlichkeit – bin ich zufrieden.
(Seite 86)

Fazit

„Nur kurz leben“ strotzt vor Leichtigkeit, obwohl die Geschichte schwerwiegende Themen wie Existenzängste und Krankheiten behandelt. Sie punktet mit Humor und liebevoll ausgearbeiteten Charakteren. Auf jeder einzelnen Seite saß ich mit Richie und Leon im Auto und war Teil ihres Roadtrips.
Insgesamt ein lesenswertes Debüt mit ganz leichten Schwächen, die das Lesevergnügen und die emotionale Achterbahnfahrt aber keineswegs schmälern. Nicht umsonst hat „Nur kurz leben“ den tolino media Newcomerpreis gewonnen (noch einmal herzlichen Glückwunsch)!

2 Replies to “„Nur kurz leben“ von Catherine Strefford (Rezension)”

  1. Liebe Katrin,

    was für eine tolle und liebevoll gestaltete Rezension. Ich habe schon länger ein Auge auf das Buch geworfen, und so langsam gehen mir die Ausreden aus, warum es nicht endlich in mein Regal einziehen darf.
    Ich freue mich auf weitere Rezensionen von dir!

    Liebe Grüße
    Liz

    1. Liebe Liz,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Das freut mich gerade total 😀
      Ich glaube auch, es würde sich in deinem Regal sehr gut machen!
      Mal schauen, wann die nächste Rezi kommt – aber ich habe schon eine Tendenz, welches Buch es wird, hehe.
      Liebe Grüße,
      Katrin

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